Interview mit Dr. Giebeler, Vorsitzender der Altherrenschaft der MB Arminia
Interview mit dem Bundesvorsitzenden der Marburger Burschenschaft Arminia e.V. Dr. Ulrich Giebeler, zugleich Vorsitzender der Altherrenschaft und des Vereins Alter Arminen in Marburg/Lahn e.V.
Das Interview führte ein Mitglied der Aktivitas der Marburger Burschenschaft Arminia e.V.
Lieber Bundesbruder Giebeler, du bist 1958 in die Marburger Burschenschaft Arminia eingetreten, wie kam es dazu?
Ich habe nach dem Abitur im Sommersemester 1958 mein Jurastudium an der Philipps-Universität Marburg aufgenommen. Da ich generell Interesse an studentischen Korporationen hatte, aber nicht in eine bestimmte Richtung festgelegt war, habe ich mir fast systematisch einen Überblick über das Angebot in Marburg verschafft und an einer ganzen Reihe von Veranstaltungen auf den Korporationshäusern teilgenommen, bei Burschenschaften, bei Landsmannschaften, bei Corps, aber auch beim Verein deutscher Studenten und beim Wingolf. Anfang des Wintersemesters 1958/59 wurde ich von der Burschenschaft Arminia eingeladen, der ältesten und größten Burschenschaft in Marburg und damals mit etwa 500 Mitgliedern der größten Burschenschaft in Deutschland. Angesagt war eine Feuerzangenbowle. Es war ein toller, stimmungsvoller und feuchtfröhlicher Abend auf einem sehr schönen Haus in einem wunderbaren Ambiente unter vielen sympathischen Leuten. Ich sagte mir: Hier gefällt es dir ganz besonders gut, hier passt du rein, hier wirst du eine schöne Zeit haben, hier wirst du Freunde fürs Leben gewinnen. Zu später Stunde wurde mir dann feierlich im Chargenzimmer das schwarz-rote Fuxenband umgelegt.
Bist du dann mehr aus einer augenblicklichen Stimmung heraus im jugendlichen Überschwang Armine geworden oder gab es auch inhaltliche Gründe, warst du also auch ein Stück Überzeugungstäter?
Mir war schon bewusst, dass Studentenverbindungen mehr sind als ein lockerer Club, als eine bloße Studentenclique, dass sie vielmehr ein Freundschaftsbund mit festen Strukturen, Traditionen und Gebräuchen sind, dass sie als Lebensbund auf Dauer angelegt sind. So etwas habe ich aus innerer Überzeugung gesucht und gefunden. Ich wusste auch, dass sich Verbindungen als Bildungs-, Erziehungs- und Wertegemeinschaften verstehen, auch das kam meinen prinzipiellen Einstellungen entgegen. Die spezifischen Grundwerte der Marburger Arminia als einer liberalen Burschenschaft arministischer Prägung, zusammengefasst im Wahlspruch Gott-Freiheit-Vaterland, waren mir beim Eintritt natürlich nur sehr summarisch bekannt, entsprachen aber tendenziell durchaus meinen religiösen, gesellschaftlichen und politischen Grundüberzeugungen. Aber auch hier gilt: Man wird nicht als Verbindungsstudent, als Burschenschafter und als Marburger Armine geboren, sondern man wächst in diese Zugehörigkeiten und Lebensphilosophien in einem dynamischen Prozess mehr und mehr hinein. Was man zunächst mehr geahnt und eher instinktiv als richtig erkannt hat, wird zunehmend zur gefestigten Gewissheit.
Studentenverbindungen sind umstritten, wie war das zu deiner Zeit?
Natürlich gab es auch damals viel Kritik und viele Anfeindungen. Für viele galten wir als antiquiert, als borniert, als rechtslastig, als Saufclub. Gegen diese summarischen Vorurteile, die fast so alt sind wie die Verbindungen, ist schwer anzugehen. Auch damals pflegte insbesondere der AStA diese festgefügten Klischees und transportierte sie bei jeder Gelegenheit in die studentische Öffentlichkeit. Aber die Auseinandersetzungen hatten noch nicht diesen feindseligen, ja teilweise schon hasserfüllten Charakter wie heute, wie er sich beispielsweise in den lautstarken und teilweise gewaltsamen Störungen des Marktfrühschoppens widerspiegelt. Es gab im Übrigen auch immer wieder Korporierte im AStA, darunter auch Marburger Arminen. Und in der Marburger Bürgerschaft genossen die Korporationen nach wie vor großes Ansehen, man war regelrecht stolz auf diese Bereicherung des städtischen Lebens. Bei Stiftungsfesten hingen die Häuser in der Oberstadt voller Verbindungsfahnen.
Wie hast du die Arminia als Student wahrgenommen?
Die Arminia war damals meine Heimat, meine Jugend schlechthin. Ich habe in meinen Aktivensemestern den größten Teil meiner Freizeit auf dem Arminenhaus verbracht und die in vielen Studentenliedern besungene Jugendfröhlichkeit voll genossen; in den Semesterferien habe ich dagegen als Werkstudent auf dem Bau malocht und sozusagen das Kontrastprogramm erlebt. In dieser Studentenzeit habe ich mir Erinnerungen fürs Leben geschaffen, die mir keiner nehmen kann. Als noch Arkadiens goldne Tage mich jungen Burschen angelacht, wie hab ich da in süßem Taumel die frohen Stunden hingebracht..., so haben wir oft gesungen. Dass daneben auch ständig ein ziemlich umfangreicher Pflichtenkreis für den Bund zu erfüllen war, gehörte dazu und hat uns allen nicht geschadet, sondern als wichtige Schule für das Leben, vor allem für das Berufsleben, nur genutzt. Das galt natürlich vor allem für die Bundesbrüder, die eine Charge (Vorstandsamt) wahrzunehmen hatten. So hat mich mein Sprechersemester, in dem das 100. Stiftungsfest vorzubereiten war, nachhaltig geprägt.
Wichtig war vor allem, dass uns als eiserner Grundsatz in Abwandlung von Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps eingebläut worden ist, dass wir dem Wissenschafts- und Examensprinzip unterliegen und das Studium trotz aller Freuden des Verbindungslebens zügig durchzuführen und zum Abschluss zu bringen haben. Sicher hat das auch bei uns nicht jeder geschafft, aber fast alle haben doch irgendwie die Kurve gekriegt. Die Zahl der Studienabbrecher ist jedenfalls bei Verbindungen im Allgemeinen und bei unserer Arminia im Besonderen deutlich geringer als im Durchschnitt aller Studenten. Bei uns sind es aufs Ganze gesehen wirklich nur Einzelfälle.
Konnte die Arminia dir Hilfe im Studium bieten?
Durchaus. Zunächst einmal ganz praktisch dadurch, dass in der Bibliothek auf dem Arminenhaus einiges an juristischer Fachliteratur vorhanden war. Geholfen hat mir aber vor allem der ständige fachliche Erfahrungs- und Meinungsaustausch mit den Bundesbrüdern, die auch Rechtswissenschaften studierten, besonders mit den höheren Semestern, und deren wichtige Ratgebung in allen Fragen des Fachstudiums und bei Studienarbeiten. Und schon für das Studium war die Einübung von bestimmten Fähigkeiten im täglichen Bundesleben wie Organisationstalent, Selbstdisziplin, Rede- und Debattierfähigkeit eine nicht unwesentliche Hilfestellung.
Welche Vorteile bietet eine Studentenverbindung, speziell die Arminia, aus deiner Sicht heute für junge Studenten?
Ich denke, es sind im Kern dieselben Pluspunkte, wie ich sie erlebt und oben geschildert habe. Vielleicht kann ich es so formulieren:
- Wir bieten Studenten in der Massenuniversität eine individuelle Heimstatt im schönen und historischen Rahmen eines großen, fast hundert Jahre alten und denkmalwerten Verbindungshauses, unserem Felsenkeller.
- Wir bieten eine enge studentische Lebensgemeinschaft, die sich selbst verwaltet und in der Freundschaft und Fröhlichkeit im Vordergrund stehen.
- Wir bieten Persönlichkeitsbildung und Einübung in Toleranz, Demokratie, Gemeinsinn, Verantwortung und Führung unter anderem durch Vorträge, durch die Übernahme von Pflichten und Ämtern, durch die parlamentarische Beratung und Entscheidung aller Bundesangelegenheiten im Convent, der regelmäßigen Mitgliederversammlung der Aktivitas. - Wir bieten den Blick über den Gartenzaun des eigenen Studienfachs durch das Zusammenleben und den Gedankenaustausch mit Bundesbrüdern aus anderen Fakultäten.
- Wir bieten durch das Lebensbundprinzip eine bundesbrüderliche und solidarische Gemeinschaft über alle Generationen bis zum Tod. Bei uns sitzt der Neunzehnjährige fröhlich und absolut gleichberechtigt und gleichwertig neben dem Neunzigjährigen.
- Wir bieten keinen bloß lokalen Verein sondern einen deutschlandweiten Bund, in dem für Kirchturmdenken kein Platz ist. Unsere rund 300 Bundesbrüder kommen aus allen Teilen Deutschlands und leben und arbeiten überall in Deutschland.
- Und wir bieten nicht zuletzt durch die Institution Arminia und das Arminenhaus ein dauerhaftes Band zur gemeinsamen Wurzel Universität Marburg und Stadt Marburg eine Alma mater und eine Musenstadt auf Lebenszeit, zu der man auch später immer wieder einmal zurückkehrt.
Aktuell will ich als besonderen Vorteil unserer Arminia noch erwähnen, dass wir als studienbegleitende Hilfe ein Studierzimmer auf unserem Haus eingerichtet haben, das gemeinsames Arbeiten ermöglicht, über mehrere vernetzte PC- Arbeitsplätze verfügt, den Zugang zu juristischen Online-Datenbanken eröffnet und bald auch Fachliteratur für die wichtigsten Studienfächer anbieten soll.
Sind die Studentenverbindungen auch Netzwerke für berufliches Fortkommen?
Einen Vorteil können wir nicht bieten, der Studentenverbindungen oft angedichtet wird: Vitamin B, sprich berufliche Beziehungen. Nach meinen Erfahrungen ist es jedenfalls in größeren Privatunternehmen und im öffentlichen Dienst wegen der heute üblichen objektivierten und häufig anonymen Einstellungsverfahren faktisch unmöglich, zugunsten eines bestimmten Bewerbers Einfluss zu nehmen. Ich kann mir das allenfalls noch in Kleinbetrieben und bei Freiberuflern vorstellen. Aber auch dann müssten viele Zufälle zusammenkommen, um für einen Bundesbruder etwas tun zu können. Da sind die Kölner Karnevalsvereine bessere Klüngelmaschinen...
Du bist nicht nur in der Arminia aktiv, sondern - wie einige andere Arminen - auch in der SPD. War das nicht damals ein Widerspruch?
Ich bin während der Referendarausbildung 1965 in die SPD eingetreten und in diesem Jahr für 40 Jahre Mitgliedschaft geehrt worden. Hierbei habe ich mehrfach in Ortsvereinsvorständen mitgearbeitet und war längere Zeit Unterbezirksdelegierter in Düsseldorf. 1975-1978 war ich Büroleiter des damaligen nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministers und SPD-Landesvorsitzenden Johannes Rau. Ich habe für mich nie einen Widerspruch zwischen meiner Zugehörigkeit zur Marburger Burschenschaft Arminia und meinem parteipolitischen Engagement für die SPD gesehen, weil ein Teil unserer Grundwerte in ähnlicher Form auch bei der SPD verankert ist und wir ausdrücklich alle extremen politischen Anschauungen verwerfen, insbesondere auch alle rechtsradikalen Gedankengänge strikt ablehnen. Gleichwohl ist einzuräumen, dass es in der SPD und vor allem unter den SPD-Politikern der Nachkriegszeit nur verhältnismäßig wenige Burschenschafter gibt und das Wort Vaterland und das Ziel der Wiedervereinigung in weiten Teilen der SPD lange tabu waren. Aber auch das war nicht immer so und hat sich erfreulicher Weise schon wieder geändert.
War deine Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung jemals dienlich oder hinderlich in deinem Beruf?
Sie hat sich weder positiv noch negativ ausgewirkt. In meiner beruflichen Karriere spielten ganz andere Faktoren eine Rolle.
Als Abteilungsleiter (Ministerialdirigent) in der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen hattest du große Verantwortung für unser Land. Inwieweit hat dich die Sozialisation in der Arminia für deinen späteren Beruf geprägt?
Ziemlich stark. Ich habe in dem Mikrokosmos meiner Studentenverbindung in jungen Jahren, in denen man ja besonders stark geprägt wird, viel gelernt, was mir in meiner beruflichen Tätigkeit als leitender Regierungsbeamter sehr geholfen und genutzt hat auf Neudeutsch die so genannten soft skills. Hierzu zähle ich vor allem die Fähigkeiten, auf Menschen zuzugehen und für sich zu gewinnen, im Team zu arbeiten, seinen Standpunkt zu formulieren und zu vertreten, frei zu reden, die Dinge auf den Punkt zu bringen, eine Besprechung oder eine Versammlung zu leiten, durch Überzeugung zu führen, eine Institution nach außen zu repräsentieren, Arbeit zu organisieren, Toleranz zu üben und trotzdem Dinge durchzusetzen. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein Zitat von Hermann Ehlers, dem Präsidenten des erstem Deutschen Bundestages, der 1949 bei seiner Antrittsrede sinngemäß gesagt hat, dass die Grundlagen für sein hohes Amt in seiner Marburger Studentenverbindung, dem Verein Deutscher Studenten, gelegt worden sind.
Hast du Erfahrungen mit Vorurteilen hinsichtlich deiner Mitgliedschaft in einer Burschenschaft gemacht?
Ja, natürlich. Leider ist es so, dass viele Burschenschaften weit rechts stehen und einige durchaus als rechtsradikal bezeichnet werden müssen. Da wird man auch schnell in diese Ecke gestellt und muss mühsam erklären, dass die Marburger Arminen damit nichts zu tun haben und zum liberalen Flügel der burschenschaftlichen Bewegung gehören. Hierbei können wir mit Stolz darauf verweisen, dass wir Anfang der neunziger Jahre die immer rechtslastiger gewordene Dachorganisation Deutsche Burschenschaft verlassen und 1996 den Konkurrenzverband der liberalen Burschenschaften, die Neue Deutsche Burschenschaft, mitbegründet und hierin immer wieder Führungsfunktionen übernommen haben.
Es gab mit Sicherheit nicht nur gute Zeiten bei den Arminen. Hattest du jemals den Gedanken auszutreten?
Nein, niemals. Wir haben unsere ideologischen Konflikte durchaus gehabt, beispielsweise um die Abschaffung der Pflichtmensur Anfang der siebziger Jahre, die Aufnahme von Wehrdienstverweigerern Ende der achtziger Jahre oder den Austritt aus der Deutschen Burschenschaft Anfang der neunziger Jahre. Aber die jeweiligen Grundentscheidungen sind jeweils nach fairer Diskussion in einem demokratischen Prozess entschieden worden, und zwar im positiven, zukunftsgerichteten Sinn. Und wir hatten auch gelegentlich Nachwuchsprobleme, die ein aktives Verbindungsleben, wie wir es gewohnt waren, zeitweise nicht zuließen. Aber das alles war nicht im Entferntesten dazu geeignet, den selbst gewählten Lebensbund aufzukündigen. Ich könnte mir hierzu eigentlich nur eine Entwicklung vorstellen, die mir eine weitere Zugehörigkeit aus Gewissensgründen verbieten würde: Dass bei uns rechtsextremes Gedankengut Platz greift. Ich bin sicher, dass dieser Fall nie eintreten wird.
Du bist seit 2003 Bundesvorsitzender und zugleich Altherrenvorsitzender der Burschenschaft Arminia und Vorsitzender des Vereins Alter Arminen, dem das Arminenhaus gehört und der die Burschenschaft wirtschaftlich trägt. Was hat dich daran gereizt?
Ich war bereits in den achtziger Jahren stellvertretender Vorsitzender und stand im Wort, nach meiner Pensionierung auch einmal den Vorsitz zu übernehmen. Das habe ich gern und aus Überzeugung getan, weil ich in der Arminia tief verwurzelt bin, weil sie ein wichtiges Stück meines Lebens ist, weil Herzblut dabei ist. In Anlehnung an einen Spruch des ehemaligen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering möchte ich sagen: Nur das Papstamt ist schöner. Ich möchte durch meinen ehrenamtlichen Dienst als Vorsitzender unsere liebe Arminia nach besten Kräften fördern und ihre Zukunftsfähigkeit sichern. Hierbei werde ich hervorragend von den übrigen Vorstandsmitgliedern unterstützt, vor allem von meinem Vertreter Amin Werner. Einer der vielen Reize dieses Amts liegt für mich vor allem in dem ständigen und intensiven Kontakt mit jungen Studenten. So bleibt man selbst auch jung!
Wie siehst du die künftige Entwicklung der Arminia?
Ich bin sehr optimistisch. Wir haben zur Zeit eine starke und vitale Aktivitas, die einen guten inneren Zusammenhalt hat und hervorragende Veranstaltungen macht. Das ist ein gutes Fundament für die Zukunft. Wichtig ist, dass wir immer wieder genügend junge Menschen für uns gewinnen können, die zur Fortführung eines blühenden Bundeslebens und natürlich auch zur Sicherung der finanziellen Basis notwendig sind.
Eine besondere Herausforderung wird für uns der so genannte Bologna-Prozess sein, die europaweite Angleichung der Studiengänge mit dem Regelabschluss des Bachelors bereits nach drei Jahren. Diese Verkürzung und Verschulung des Studiums wird es noch schwerer machen, in einer Verbindung aktiv zu werden. Wir werden die Vereinbarkeit von Studium und Verbindung dadurch erleichtern, dass wir studienbegleitende Hilfen durch das schon erwähnte Studierzimmer auf dem Arminenhaus und durch in der Planung befindliche Tutorien und Repetitorien der Akademie der Neuen Deutschen Burschenschaft anbieten.
Abschließend: Ich bin zuversichtlich, dass Studentenverbindungen ihren Reiz behalten werden und dass wir Arminen auch das 150. Stiftungsfest im Jahr 2010 und danach noch viele weitere runde Stiftungsfeste kräftig feiern können!
Vielen Dank für dieses Gespräch!
