(Spiegel-Online vom 4.10.2004) SPIEGEL zementiert lieb gepflegte Vorurteile
BURSCHENSCHAFTEN
"Am Hintern und im Gesicht wächst alles wieder zusammen"
In der Welt der Verbindungsstudenten werden noch echte Zweikämpfe
mit scharfen Waffen ausgetragen, bis deutsches Blut spritzt. Nach
der Mensur preist man den "Kick" und vergleicht stolz die Schmisse,
besingt schwarzbraune Haselnüsse und trinkt viel Bier. Sehr viel Bier.
Eine Reportage von Max Schulz
Schneidig hallt das Kommando durch den Saal einer alten Villa im Kieler Nobelstadtteil
Düsternbrook. "Silentium! Ich bitte Türen und Fenster zu schließen
und das Reden und Rauchen einzustellen!", brüllt der Mann mit einer bunten
Mütze auf dem Kopf und einem dreifarbigen Brustband. Filmen und Fotografieren
ist streng verboten, Frauen, Hunden und Pennälern der Besuch der Veranstaltung
untersagt - so schreibt es die Fechtordnung vor.
Zwei Studenten in Kettenhemden und mit martialischen Schutzbrillen aus
Blech werden von ihren Sekundanten zur Mensur geleitet. Zu einem Wettstreit
mit scharfen Hiebwaffen. "Ich bitte um Silentium für eine tiefe Partie Schläger
zwischen meinem Bundesbruder und dem Herrn X von einem wohllöblichen
Corps Y über 30 Gänge à fünf Hiebe, wovon der erste und der letzte Gang Ehrengänge
sind", grölt der eine Sekundant dem Unparteiischen zu, der zuvor
die rund 50 schwatzenden und Bier trinkenden Verbindungsstudenten zur Ruhe
ermahnte.
"Wir führen auf Schmiss ab"
"Hoch bitte, Mensur!" Die beiden Paukanten, junge Studenten im Kampfdress,
erheben sich von ihren Stühlen und recken mit dem rechten Arm eine etwa 80
Zentimeter lange Hiebwaffe hoch. "Fertig", hallt es von einem der beiden Sekundanten.
Sie sind Studenten älteren Semesters mit Schutzhelmen und Lederschürzen.
Jeder Sekundant kniet neben seinem Paukanten und soll eingreifen,
wenn der Gegner gegen die Fechtregeln verstößt.
"Los!" Die Klingen der Paukanten verbinden sich für einen Moment hoch über
ihren Köpfen wie auf dem Logo eins Rasierklingenherstellers. Dann saust die
Klinge des einen auf den Armstulp des anderen; die beide scharfen Klingen
treffen metallisch scheppernd aufeinander. Fliegen da Haare vom Kopf des einen
Studenten? "Halt!" Die Sekundanten springen dazwischen.
Der erste Gang ist vorüber. Während der Sekundant prüft, ob sein Schützling
einen Kopftreffer erhalten hat, biegen Erstsemester - so genannte Füchse - die
Klingen gerade und desinfizieren sie. Sagrotangeruch vermischt sich mit dem
Mief von kaltem Rauch, Rasierwasser und frisch gezapftem Bier zum speziell
männlichen Duftbouquet eines Paukbodens.
Renommierschmiss schmückte einst Akademiker
"Hoch bitte, Mensur!" Der zweite scharfe Gang mit der Gelegenheit, dem Gegenüber
eine Schnittwunde zu verpassen und am Weiterfechten zu hindern.
Stichverletzungen wie beim Degenfechten sind durch die abgerundeten Klingen
und vorgeschriebenen Bewegungen ausgeschlossen. "Fertig!" "Los!" Wieder
dreschen die Paukanten, die sich vorher nicht kannten, aufeinander ein.
Ein Hieb, ein aufgeregtes "Halt" vom Sekundanten: Aus einer fünf Zentimeter
langen Wunde, knapp unter der rechten Geheimratsecke des einen Studenten,
spritzt dunkelrot Blut im Sekundentakt auf den Boden. "Wir führen auf
Schmiss ab, danke für gehabte Partie", lässt der Sekundant den Unparteischen
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wissen. Ein Student feixt seinem Corpsbruder angesichts der Stirnwunde zu:
"Am Hintern und im Gesicht wächst alles wieder zusammen!"
In der Pubertät wird Jugendlichen weisgemacht, es gebe kaum etwas Wichtigeres,
als sich um seine Haut zu kümmern - Clearasilstift, Hautwasser, Cremes
als tägliche Begleiter. Was bringt die Mitglieder von schlagenden Verbindungen
dazu, einander wenige Jahre später die Gesichtshaut aufzuschlitzen?
Bei den Studenten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die auf vergilbten
Schwarzweiß-Porträts an den Wänden des Kneipsaals stolz ihre schmissbesetzten
Wangen präsentieren, war das leichter zu erklären: Fast jeder Student gehörte
einer Verbindung an - von Heinrich Heine bis Herrmann Löns, von Max
Weber bis Wilhelm II. von Preußen. Der Renommierschmiss auf der Wange
galt zudem als Symbol des Akademikerstatus. Damals diente die Schläger-
Mensur auch dazu, Streitigkeiten unter Studenten zu schlichten. Das war der
Gesundheit weit weniger abträglich als ein Pistolenduell oder ein Zweikampf
mit Säbeln.
"Heute ist es eher so ein Kick wie bei anderen Extremsportarten", behauptet
Ole, 24, Fechtwart eines Berliner Corps. "Niemand ist scharf darauf, einen
Schmiss einzufangen, aber wenn man sich zur Mensur stellt, geht man das Risiko
ein - das ist ein Gefühl wie beim Fallschirmspringen", sagt der Maschinenbaustudent,
der zusätzlich zu den drei Pflichtpartien seiner Verbindung noch
zwei Mal mehr gefochten hat. "Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass studentisches
Fechten eine Sportart ist, die nicht jeder betreiben kann", so Ole weiter.
Um Mitglied in einer schlagenden Verbindung zu werden, muss man männlich
und an einer Hochschule in Deutschland. Österreich oder der Schweiz eingeschrieben
sein. Für die Korporationen des sehr rechten Dachverbandes Deutsche
Burschenschaft - mehrere Verbindungen werden vom Verfassungsschutz
beobachtet - ist es obendrein wichtig, dass bei den Mensuren deutsches Blut
fließt: Ausländer (ausgenommen so genannte Volksdeutsche) und Kriegsdienstverweigerer
müssen draußen bleiben.
Ausländer müssen draußen bleiben
Die meisten anderen Verbände nehmen jeden auf, der auf diesem atavistischen
Wege seine Männlichkeit beweisen will. Besonders unter Studenten aus
Skandinavien und den USA sind deutsche Verbindungen populär - wohl auch
wegen des exzessiven Biergenusses.
Klischees über Verbindungsstudenten gibt es viele: zum Beispiel, dass der
Durchschnitts-Korporierte so aussieht wie einer, der mit 20 seine erste Tanzstunde
hat. Manchmal stimmt die Beschreibung. Einige Studenten, die sich
jetzt an diesem Abend zur Kneipe in der Gründerzeitvilla eingefunden haben,
wirken in ihren ältlich geschnittenen Anzügen wie Versicherungsvertreter auf
Reisen. Andere tragen Designerklamotte von Ralph Lauren oder auch modische
Anzüge und Krawatten von H&M und Esprit - wie es Mittzwanziger so tun,
wenn sie sich schick machen wollen.
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Wieder brüllt ein Student durch den Kneipsaal, in dem inzwischen Stühle und
Tische stehen: "Silentium!" Das heißt so viel wie Ruhe, und für mehr Nachdruck
schlägt der junge Mann an der Kopfseite des Saales mit einem stumpfen
Fecht-Schläger auf den Tisch. Eben noch, auf der Fahrt zum Verbindungshaus,
hörten sie Eminem oder The Rasmus im MP3-Walkman. Nun knödeln 20-
jährige Studenten zusammen mit 80-jährigen Alten Herren deutsche Volkslieder
wie "Dort Saaleck, hier die Rudelsburg". "Es ist natürlich schräg, so alten
Kram hier zu singen, aber spätestens nach dem dritten Bier bringt es echt
Spaß", sagt der Daniel, 21, dessen zweifarbiges Band ihn als Fuchs, als Verbindungsneuling,
ausweist.
Hups, da hat sich ein Bierskandal zugetragen
Der Männerchor schmettert weiter nationales Liedgut, in dem die Schönheit
der Jugend besungen wird, der Klang der Waffen, schwarzbraune Haselnüsse
oder die Verbundenheit mit dem Vaterlande. In den Einband der Gesangsbücher
eingeschlagene Biernägel verhindern, dass die Texte nass werden. Drei
Bier sind schnell erreicht, denn zu jeder Gelegenheit wird zugeprostet und der
Rest, den der Zufall im Glas gelassen hat, auf das Wohl von irgendwem geleert.
"Wenn einer kein Bier mag oder keinen Alkohol trinkt, kann er sich beim
Präsidenten der Kneipe bierkrank melden und muss nicht mitsaufen", erklärt
der Fuchs Daniel.
"Silentium im kleinen Kreise", wünscht sich schreiend ein Tischnachbar. "Es
hat sich ein Bierskandal zugetragen zwischen meinem lieben Bundesbruder
Daniel und Herrn Müller von einer verehrlichen Landsmannschaft Y. Sind die
Gemäße präpariert?" Vor den beiden Studenten steht jeweils ein volles Bierglas
für einen so genannten Bierjungen oder die Biermensur, das ritualisierte
Wettsaufen. "Ja", brüllt der eine Student schneidig. "Jawoll", versucht der
Fuchs ihn in Sachen korporierter, übertrieben männlicher Tonalität noch zu
übertreffen. "Das erste Kommando zieht scharf", proklamiert der Unparteiische.
"Vom Boden an den Hoden! Vom Nabel an den Schnabel! Prost sagen in
der Mitte erwünscht! Sauft's!"
Als hätte der liebe Gott vergessen, bei den Rivalen als Serienausstattung im
Rachen ein Zäpfchen einzupassen, läuft das kühle Nass die Kehle herunter.
"Fertig", schreit der Fuchs, eine Millisekunde vor seinem Kontrahenten. Das
war ein einfacher Bierjunge. In manchen Corps ist es durchaus üblich, vieroder
achtfache Bierjungen zu trinken. Das bedeutet: 1,5 bis 3 Liter Bier auf
Ex.
Wer solche Mengen vertilgt, muss sich während des Trinkens öfter mal erbrechen.
Dieser Anblick bleibt den Burschenschaftern heute erspart.
STUDENTENVERBINDUNGEN
Vernarrt in Ehre, Freiheit, Vaterland
Was haben Friedrich Merz, Thomas Gottschalk, Horst Mahler und Rezzo
Schlauch gemeinsam? Alle waren oder sind Mitglieder von Studen62
tenverbindungen und folgten damit Traditionen der Burschenschaften
- ein Überblick.
Während es Friedrich Merz und Thomas Gottschalk vorzogen, in frömmelnden
nicht schlagenden katholischen Verbindungen aktiv zu sein (Dachverband CV),
haben der frühere RAF-Aktivist und Landsmannschafter Mahler (heute NPD)
und Burschenschafter Rezzo Schlauch (heute Grüne) Mensuren für ihren Bund
geschlagen.
Die Szene der Studentenverbindungen ist vielfältig und vor allem an traditionsreichen
Hochschulstandorten noch recht vital. Grundsätzliches zu den Verbindungen:
?? Die meisten Korporationen sind Männerbünde. Frauen dürfen bei den
wichtigsten Veranstaltungen wie Kneipen, Conventen oder Mensuren nicht anwesend
sein. Außerdem werden die Zimmer auf den Verbindungshäusern nur
an männliche Studenten vermietet. Es gibt aber auch gemischtgeschlechtliche
Verbindungen oder reine Frauenverbindungen, die allesamt nicht schlagend
sind.
?? Ehemalige Studenten ("Alte Herren") unterstützen das Leben auf dem
Verbindungshaus finanziell. Es herrscht sozusagen ein umgekehrter Generationenvertrag.
Durch den Kontakt zu Alten Herren und Bundesbrüdern entsteht
ein institutionalisiertes Netzwerk an persönlichen Kontakten, was früher als
Protektion bezeichnet wurde.
?? Die meisten Verbindungen gründeten sich im 19. Jahrhundert. Daraus
lässt sich auch die hohe Bedeutung der Begriffe wie Freiheit, Ehre, Vaterland
für die Burschenschafter erklären. Bereits beim Wiedererstarken des Antisemitismus
im späten 19. Jahrhundert untersagten Verbände wie die Kyffhäuser
(heute VdSt) seinen Bünden die Aufnahme von Juden. Es gab aber auch eine
Anzahl jüdischer Verbindungen und assimilierte Juden in Corps, Landsmannschaften
und Burschenschaften. Während der Weimarer Republik gehörten die
großen Korporationsverbände zur nationalistischen Opposition, die offen die
Demokratie bekämpft hat. Alle Studentenverbindungen wurden Mitte der dreißiger
Jahre aufgelöst und teilweise unter Applaus der betreffenden Bünde in
den NS-Hochschulbund integriert. Anfang der fünfziger Jahre rekonstruierte
sich die deutsche Verbindungsszene wieder.
Die wichtigsten Arten von schlagenden Verbindungen:
?? Die Corps sind pflichtschlagende, farbentragende Männerbünde, die sich
politisch nicht festlegen wollen (Toleranzprinzip), aber als konservativ-elitär
gelten. Jeder männliche Student kann Mitglied bei einem Corps werden. Die
Corps sind aus historischen Gründen in zwei verschiedenen Dachverbänden
organisiert, den Kösener Seniorenkonvent und den Weinheimer Seniorenconvent.
Innerhalb des Kösener Verbandes gibt es noch recht skurrile Aufteilungen
in so genannte Kreise. Ein Beispiel sind grüne Corps wie das Corps Hansea
Bonn, die dem "Schäbigkeitsprinzip" verpflichtet sind, das heißt Saufspiele bis
über die Brechgrenze. Dann gibt es noch den blauen Kreis (Gesellschaftsprinzip),
schwarzen Kreis (Fechtprinzip) und weißen Kreis (Hochadel).
?? Im Coburger Convent sind die akademischen Landmannschaft und
Turnerschaften in den letzten Jahren am meisten bemüht, in der Öffentlichkeit
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ein liberaleres Bild abzugeben. Beim jährlichen Pfingsttreffen in Coburg wurde
die deutschnationale Gruselshow "Heldengedenken mit Fackelumzug" stark
entschärft, es gibt vom Verband her keinerlei Beschränkung mehr bei der Aufnahme
von männlichen Studenten. Einzelne Verbindungen wie die Landsmannschaft
Mecklenburgia-Rostock zu Hamburg lehnen aber die Aufnahme
von Ausländern und Zivildienstleistenden ab. Der CC ist pflichtschlagend und
farbentragend.
?? Die Deutsche Burschenschaft (DB) ist der vielleicht bekannteste und
rechteste Verband. Um Mitglied in einer Korporation der DB zu sein, muss man
deutschen Blutes sein und gedient haben (Bundeswehr). Mehrere Verbindungen
der DB gelten als rechtsextrem und stehen unter der Beobachtung des
Verfassungsschutzes, etwa die Burschenschaft Germania Hamburg, Danubia
München oder in Österreich die Burschenschaft Olympia Wien. Burschenschaften
sind fakultativ schlagend und farbentragend.
?? Die Neue Deutsche Burschenschaft hat sich vor wenigen Jahren von
der Deutschen Burschenschaft abgespalten - wegen deren extremer politischer
Ausrichtung. Die Neue Deutsche Burschenschaft bekennt sich zum Grundgesetz
der Bundesrepublik Deutschland, während in der DB noch von Groß-
Deutschland (von Straßburg bis Memel, von Sonderburg bis Bozen) fabuliert
wird.
?? Außerdem gibt es noch kleinere fakultativ- oder pflichtschlagende Verbände
wie die Deutsche Sängerschaft oder das Süddeutsche Kartell, die alle
eher liberal eingestellt sind.
Von Max Schulz
