Presseberichte

Tabuthema: Burschenschafter im Widerstand - Einer von vielen!


Zum Gedenken an den 60. Todestag von
Hermann Kaiser (B! der Pflüger Halle zu Münster)

Erinnerung an die mutige Tat
- Wir müssen uns unsere Geschichten erzählen

Am 23. Januar 1945 wurde unser Bundesbruder
Hermann Kaiser als Beteiligter am Attentat
auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 in Be rlin-
Plötzensee hingerichtet.
Sein 60. Todestag fällt in eine Zeit, in der
eine Rückbesinnung, und bezogen auf einige
Themen unserer neueren deutschen und europäischen
Geschichte, eine erstmalige wirkliche
Aufarbeitung erfolgt. Dabei ist festzustellen,
dass die damit verbundenen Darstellungen
häufig auf ein breites Interesse stoßen. In
Deutschland und bei unseren Nachbarn in
Europa erfährt man, mehr als ein Jahrzehnt
nach der politischen Wende auf unserem
Kontinent, häufig eine zustimmende Befriedigung
darüber, dass ganze Themenkomplexe
ebenso wie einzelne Details das Licht der
historischen Darstellung erblicken, die sich
bisher im Schatten der Geschichte befunden
haben. Denn hinter den Themen stehen
menschliche Schicksale, stehen Opfer und
Täter, stehen Ideen und Utopien, Hoffnungen
und Enttäuschungen.
Vor allem die Opfer von Gewalt verdienen
es, dass wir uns an ihr Schicksal erinnern. So
erfahren wir 65 Jahre nach dem Beginn des
Zweiten Weltkrieges, dass dieser Krieg nicht,
wie in den Geschichtsbüchern zu lesen, am 1.
September 1939 um 4:45 Uhr mit dem Geschützfeuer
des deutschen Schulschiffes
Schleswig-Holstein auf die Westerplatte bei
Danzig begann, sondern bereits acht Minuten
zuvor mit einem Luftangriff auf das polnische
Städtchen Wielun. Ebenso erschien im Jahr
2002 mit der Dokumentation „Der Brand“
eine umfassende Darstellung des Bombenkrieges
in Deutschland (der Autor Jörg Friedrich
referierte auch auf dem Pflug in Münster).
Und man stellt schnell fest, wie gut es den
Menschen hüben wie drüben tut und wie es
zum besseren Verständnis beiträgt, wenn man
versucht, Empathie zu entwickeln. So sprechen
wir heute endlich auch mit mehr Selbstverständlichkeit
über den Warschauer Aufstand
von 1944, über die 900 Tage von Leningrad
und über Flucht und Vertreibung der
Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges.
Die Befassung mit diesen Themen ermöglicht
uns Deutschen unser gestörtes Verhältnis zu
unserer nationalen Geschichte zu kurieren
und wirkt identitätsstiftend im europäischen
Kontext. Dies führt mich zu der Schlussfolgerung,
dass wir uns unsere Geschichten erzählen
müssen.
Gerade wenn man sich mit dem 20. Juli 1944
beschäftigt, stellt man schnell fest, wie ve rkrampft
unser Verhältnis zur deutschen Geschichte
über viele Jahrzehnte und teilweise
bis heute gewesen ist. So dauert der Prozess
noch immer an, ein normales Verhältnis zu
den Ereignissen und den Männern des 20. Juli
zu finden. Noch lange nach dem Zweiten
Weltkrieg galten sie in weiten Teilen der Bevölkerung
als Verräter, und seien wir so ehrlich;
auch in unserem Bund blieb Hermann
Kaiser zunächst die Anerkennung für sein
Handeln versagt.
Der mangelnden Anerkennung war in den
Phasen der Planung, Vorbereitung und
Durchführung des verunglückten „Staatsstreiches“
vom 20. Juli das mangelnde Bekenntnis
zu dem Vorhaben vorausgegangen. Nicht
zuletzt die fehlende Entschlossenheit wesentlicher
Akteure, ihr Zögern im entscheidenden
Moment, hat erheblich zum Scheitern beigetragen.
Bundesbruder Hermann Kaiser, der im Rang
eines Hauptmannes das Kriegstagebuch des
Ersatzheeres führte, brachte die Ausflüchte,
in denen die Anstöße zum Handeln bei den
Befehlshabern versandeten auf die treffende
Formel: „Der Eine will handeln, wenn er Befehl
erhält, der Andere befehlen, wenn gehandelt
ist.“ Und über Generalfeldmarschall
Günther von Kluge, den Oberbefehlshaber
der Heeresgruppe B, schrieb er: „Erstens keine
Teilnahme an einem Fiesko-Unternehmen.
2. Ebenso wenig an einer Aktion gegen Pol56
lux (Anmerk. des Autors: Hitler). 3. Ist nicht
im Wege, wenn Handlung beginnt.“
Die häufig anzutreffende menschliche Eigenart,
sich einen Ausweg, ein Hintertürchen
offen zu lassen, macht die Tat derer, die sich
schließlich ohne Wenn und Aber auf das Unterfangen
einließen, umso anerkennenswerter.
Später, nach dem 20. Juli 1944, sollten die
Häscher des Regimes bei Hermann Kaiser
zahlreiche private Aufzeichnungen finden,
die nicht nur ihm zum Verhängnis wurden.
Auch belegen diese Quellen den Wandlungsprozess
bis hin zum Tatentschluss und bis zu
den Ereignissen des 20. Juli.
Wenn man sich mit der Person Hermann Kaisers
in Bezug auf sein Aktivenleben in der
Hallischen Burschenschaft Alemannia auf
dem Pflug beschäftigt, dann stößt man durchaus
auf Schwierigkeiten. Hier ist vor allem
das Problem der Namensgleichheit zu nennen.
Im Abstand von nicht einmal zwei Jahren
wurden zwei Studenten gleichen Namens
bei der Burschenschaft Alemannia auf dem
Pflug zu Halle aktiv. Das macht es ein wenig
schwer, eine Positionsbestimmung vorzunehmen,
allzumal Texte aus jener Zeit häufig
nur mit den Initialen des Autors unterzeichnet
sind.
Hermann Kaiser wurde am 31. Mai 1885 als
Sohn des Pädagogen Dr. Ludwig Kaiser in
Remscheid geboren; ein Jahr später zog die
Familie nach Wiesbaden um, wo Ludwig
Kaiser Direktor der Oranienschule wurde.
Nach der Hochschulreife studierte Hermann
Kaiser in Halle und später in Göttingen Mathematik
und Physik, Geschichte und Kuns tgeschichte.
Wie Jahrzehnte zuvor sein Vater
trat er am 23. April 1903 der Burschenschaft
Alemannia auf dem Pflug bei. Nach viersemestriger
Aktivenzeit, in der er auch dem
Chargenkabinett angehörte, wechselte er zum
Sommersemester 1905 nach Göttingen. Nach
dem Examen im Sommersemester 1909 wurde
er philistriert. Da die Pflügerblätter aus
jener Zeit nicht vollständig sind, findet sich
nur ab und zu etwas über Hermann Kaiser.
Den Lehrerberuf konnte er ab 1912 zunächst
nur zwei Jahre ausüben, denn er war
Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg und
dies die gesamten vier Jahre seiner Dauer.
Aus einem national-konservativen Elternhaus
stammend und in der preußischen Militärtradition
verwurzelt, gehörte er zu den ersten
Freiwilligen im August 1914. Sein Einsatz für
das Vaterland muss herausragend gewesen
sein. Nicht ohne Stolz berichtet uns das Pflügerblatt
vom Dezember 1915, dass Hermann
Kaiser das Eiserne Kreuz 1. Klasse verliehen
worden ist. Später erhielt er noch den österreichischen
Militärverdienstorden mit
Kriegsdekoration.
Wer diese Auszeichnungen für Tapferkeit
und selbstlosen Einsatz zur Kenntnis nimmt,
der kann sich über das Urteil des Volksgerichtshofes
drei Jahrzehnte später nur wundern.
Aber dazu später.
Nach dem Ende des Krieges nahm er seinen
Lehrerberuf an der Oranienschule in Wiesbaden
wieder auf. Dieser Schule, an der auch
sein Vater Ludwig Kaiser bis zu seiner Berufung
zum Provinzialschulrat in Kassel unterrichtet
hatte, blieb Hermann Kaiser bis zu
seinem Lebensende treu. Dabei muss er ein
ausgezeichneter Pädagoge gewesen sein.
Wenn Geschichtsunterricht zur damaligen
Zeit vornehmlich aus dem Abfragen von ereignisgeschichtlichen
Daten bestand, so ve rmochte
er die Inhalte sehr lebendig zu vermitteln.
Seine Schülerschaft formte er zu einer
Gemeinschaft, die sich als Teilnehmer an
seinem Unterricht privilegiert fühlten. Sehr
viel Selbstbewusstsein klingt aus dem Begriff,
den die Schüler seiner Klassen für sich
verwandten: „Kaiserjäger.“ Einer seiner ehemaligen
Schüler schrieb über ihn: „Hermann
Kaiser war ein deutscher Idealist, ein Soldat
und kein Militarist, ein Erzieher der Jugend,
ein Meister, ein Mensch, den seine Schüler
bis an ihr eigenes Ende nicht vergessen werden.“
Der nationalsozialistischen Bewegung konnte
Hermann Kaiser zunächst durchaus einiges
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abgewinnen. Er wurde sogar Parteimitglied.
Doch bald nach der Machtergreifung setzte
bei ihm jener für das nationalkonservative
Spektrum typische Lernprozess ein.
Die Loslösung vom abendländischchristlichen
Ethos, der im Rahmen des sogenannten
„Röhm-Putsches“ im Sommer 1934
offenbar werdende Verzicht auf jegliche
Rechtsstaatlich-keit; dem Patrioten Kaiser
wurde deutlich, dass der Nationalsozialismus
die preußisch-deutsche Tradition nicht bewahren
wollte, sondern sich ihrer nur bediente,
um eine unberechenbare, verbrecherische
Politik zu etablieren. Anstoß nahm der gläubige
Christ an der Verletzung religiöser Werte
und Normen; den Nationalsozialismus bezeichnete
er als „Sünde wider Gott“.
Die Hinwendung Kaisers zur Opposition erfolgte
bereits in dieser Zeit. Als in Wiesbaden
im gleichen Jahr auf Kaisers Initiative hin ein
Denkmal für das 1. Nassauische Feldartillerieregiment
Nr. 27 errichtet wurde, weigerte
er sich, den Namen Adolf Hitler in die
Denkmalsurkunde aufzunehmen und scheute
dabei nicht den Konflikt mit dem Gauleiter
von Hessen-Nassau.
„Gewissen ist das Bewusstsein eines inneren
Gerichtshofes im Menschen“, hat Immanuel
Kant im Jahr 1795 diesen Bestandteil
menschlicher Charakterstärke beschrieben.
Für Hermann war sein Gewissen die Maxime
seiner Entscheidungen.
Bereits 1939 wurde Kaiser als Hauptmann
der Reserve zur Wehrmacht eingezogen. Seit
1940 war der Stab des Oberkommandos der
Wehrmacht im Berliner Bentlerblock sein
Dienstsitz, das Zentrum des militärischen
Widerstandes. In die „Walküre“-Pläne eingeweiht,
kam ihm vor allem eine Mittlerfunktion
im Verhältnis zu den Hauptakteuren zu.
Heute würde man ihn als „Netzwerker“ bezeichnen.
Auf der Kabinettsliste einer neuen
Regierung war er als Staatssekretär im Kultusministerium
vorgesehen.
Der 20. Juli 1944 wurde zum sichtbarsten
Zeichen des Aufbegehrens gegen den Diktator.
Die Menschenrechtsverletzungen vor
allem in Mittel- und Osteuropa, die langsam
zu Tage tretende Kenntnis über die Shoa, die
militärisch aussichtslose Lage im Sommer
1944 und die zunehmenden Entbehrungen der
Zivilbevölkerung im Reich, das alles reichte
aber nicht aus, um den Funken des Widerstand
zu einem Flächenbrand werden zu la ssen.
Der 20. Juli endete im Desaster.
Die Antwort des Regimes war gleichwohl
unerbittlich. Für Adolf Hitler wurde Dr. Roland
Freisler zum Mann seines Vertrauens.
Dieser hatte einst in wenigen Jahren den unglaublichen
„Radschlag“ von der KPD zur
NSDAP hinbekommen. Als Präsident des
Volksgerichtshofes gerierte er sich zum
„Schaurichter“ und zum Entscheider, weniger
über Leben mehr über Tod.
Als der Deutsche Bundestag im Jahr 1983
den Beschluss fasste „Nichtigkeit von Urteilen
des Volksgerichtshofes“ wurde dieses
unglaubliche Kapitel deutscher Rechtsgeschichte
mit all seinem Sadismus und mit
seiner ganzen Abwesenheit von Recht und
Rechtsstaatlichkeit aufgearbeitet. Wenn man
einzelne Urteile des Volksgerichtshofes liest,
dann stellt man schnell fest, das Urteil über
Hermann gehört zu den schäbigsten. „Wenn
es unter den Verrätern des 20. Juli überhaupt
eine Steigerung der Gemeinheit geben kann,
so ist einer der gemeinsten Hermann Kaiser,“
schrieb Freisler in der Urteilsbegründung.
Und an anderer Stelle des Urteils, das bezeichnender
Weise auch gleich für einen weiteren
Angeklagten (Major Busso Thoma)
abgefasst ist, heißt es über den hoch dekorie rten
Teilnehmer des Ersten Weltkrieges: „Sein
Verrat ist viel gemeiner als die Terrortat die
seinerzeit dem nationalsozialistischen Reich
Veranlassung gab, für Fälle ganz besonders
gemeiner Verbrechen den Vollzug der Todesstrafe
durch den Strang vorzusehen, als die
Terrortat des Reichstagsbrandes. Dieser
Mann muss ein für allemal um der Sauberkeit
willen, um unserer Ehre willen aus unserer
Mitte ausgelöscht werden. Er hat sich selbst
für immer ehrlos gemacht.“ Hermann Kaiser
hörte sein Todesurteil am 17. Januar 1945.
Der eingangs zitierten Feststellung von Joa58
chim C. Fest aus dem Jahr 1994, wonach der
Widerstand mit seinen Ereignissen und Hintergründen
„die eigene Sterbestunde kaum
überdauert hat“, soll heute, rund zehn Jahre
später, nicht widersprochen werden. Es ist
aber erfreulich festzustellen, dass auch dem
Gedenken an die weniger bekannten Beteiligten
des 20. Juli endlich Raum gegeben wird.
So hat beispielsweise die Bayerische Staatsregierung
für den 21. Januar 2005 zu einer
Gedenkveranstaltung für Franz Sperr eingeladen.
Franz Sperr war der Gesandte Bayerns
in Berlin. Wegen Mitwisserschaft an den
Umsturzplänen Stauffenbergs wurde er zum
Tode verurteilt und am 23. Januar 1945 ermordet,
gemeinsam mit Hermann Kaiser.
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