BURSCHENSCHAFT BRACH ENTZWEI (Frankfurter Rundschau vom 15.1.1996)
Acht Korporationen wollen Nationalismus nicht mitmachen
Hannover, 14. Januar. Die Deutsche Burschenschaft (DB) hat Konkurrenz bekommen. In Hannover haben sich am Wochenende acht Studentenverbindungen, die früher der DB angehörten, zur Neuen Deutschen Burschenschaft (NDB) zusammengeschlossen, um die "liberalen und demokratischen urburschenschaftlichen Traditionen" stärker zu pflegen, wie ihr Sprecher Carsten Zehm (Hannover) erläuterte. Vor allem wollen sie sich nicht auf extremen Nationalismus und Militarismus verpflichten lassen.
Zehms eigene Verbindung, die Alt-Germania Hannover, war im vergangenen Jahr aus der DB ausgeschlossen worden, weil sie Zivildienstleistende aufgenommen hatte. Der alte Dachverband sah darin einen Verstoß gegen das Prinzip der Wehrhaftigkeit. Andere Verbindungen gerieten wegen der Aufnahme von Ausländern in Konflikte mit der DB. Solche Erfahrungen veranlaßten die Alt-Germania Hannover, die Arminia Marburg, die Brunsviga Göttingen, die Bubenruthia Erlangen, die Markomannia Kaiserslautern, die Obotritia Berlin, die Teutonia Hannover und die Ulmia Stuttgart zur Gründung des neuen Dachverbands. Rund 20 weitere Korporationen entsandten Beobachter zum ersten "Burschentag" der NDB, der mit einem Festkommers im Alten Rathaus in Hannover endete.
Der DB gehören mehr als 100 Verbindungen mit rund 16 000 Aktiven und Alten Herren an. Ihr Organisationsgebiet umfaßt auch Österreich. In manchen DB-Verbindungen wird der Gedanke an eine Wiederherstellung des Großdeutschen Reiches gepflegt. Die acht NDB-Verbindungen zählen nach eigenen Angaben über 300 Aktive und 1900 Alte Herren. Zehm, Student der Sozialwissenschaften, nannte es ein zentrales politisches Anliegen des neuen Dachverbands, den Vaterlandsgedanken zeitgemäß zu interpretieren, ohne nationale Überheblichkeit. Zum Vaterland gehöre Österreich ebensowenig wie Ostpreussen. Ein wichtiges Thema werde in der NDB die Einigung Europas sein.
Ob eine Verbindung Ausländer aufnimmt oder nicht, ist nach der Satzung des neuen Dachverbands ihr selber überlassen. Wie der alte schließt auch er die Mitgliedschaft von Frauen aus. Die Satzung legt nicht fest, ob Mensuren geschlagen werden oder nicht. In der DB gibt es Bestrebungen, die Mitglieder zum Schlagen zu verpflichten. Einem entsprechenden Antrag hätten bei der letzten Abstimmung nur acht Stimmen gefehlt, berichtete Zehm, der eine noch stärkere Radikalisierung der DB befürchtet. In Österreich gebe es enge burschenschaftliche Beziehungen zur FPÖ. Die 'Burschenschaftlichen Blätter' als Organ der DB hätten sich auch nicht gescheut, den Parteivorsitzenden der Republikaner, Schönhuber-Nachfolger Schlierer, zu würdigen.
Zu den Neuerungen in der NDB gehört, daß sich die Stimmrechte der angeschlossenen Korporationen nach ihren Mitgliederzahlen bemessen und die Rechte der Aktiven gegenüber den Alten Herren gestärkt werden. Dem Vorstand der NDB gehört nur ein Alter Herr an: Rechtsanwalt Ralph Schröder (Brunsviga Göttingen) als Vorsitzender. Zehm ist sein Stellvertreter.
FRANKFURTER RUNDSCHAU - 15.01.96 - von ECKARDT SPOO
