Das Wartburgfest
Veranstalter: Die Jenenser Burschenschaft. Eingeladen zum 18. Oktober 1817 sind die 13 evangelischen Universitäten.
Anlass: der 4. Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig (16.-19-10.1813)
und der 300.Jahrestag der Reformation Luthers (31.10.1517)
Während des Festes herrscht Burgfriede mit den ebenfalls angereisten Landsmannschaften. Der Gastgeber ist der Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, Karl-August. Mit von der Partie sind jedoch auch Spitzel Metternichs, dem Feind der Burschenschaften schlechthin. Gemeinsamer Inhalt der Reden, die gehalten werden, ist der Aufruf für Freiheit , Gerechtigkeit und ein einiges Deutschland.
Es ist eine Schande, nur ein Schwabe, Bayer, Rheinländer oder anderer zu sein. Wer deutsch denkt , deutsch spricht und sich der deutschen Sprache als Schrift bedient, soll Deutscher sein.
Professor Lorenz Oken
Die Reden finden selbst bei Goethe, der eher konservativ ist, uneingeschränkten Beifall. Mit den Reden endet der offizielle Teil des Festes. Es bleiben jedoch 30 Burschenschafter zurück. Als geistiger Anführer gilt der nicht anwesende Jahn. Die emotional gespannte Stimmung steigerte sich ins Maßlose. Man beschließt, ein politisch-manifestiertes Zeichen gegen die feudal-absolutistische Reaktion zu setzen. Ferdinand Maßmann erinnert an Luther. 1520 hatte Luther vor dem Elstertor in Wittenberg die päpstliche Bannbulle und die kanonischen Rechtsschriften öffentlich verbrannt. Es werden ebenfalls Bücher und Schriften verbrannt: ... so wollen wir durch die Flamme verzehren lassen das Andenken derer, die so das Vaterland geschändet haben durch ihre Rede und That, und die Freiheit geknechtet und die Wahrheit und Tugend verleugnet haben in Leben und Schrift ...
Betroffen waren die Gegner der Burschenschaften, die den Absolutismus und die feudalen Zustände verteidigten (Fürstenknecht und Speichellecker), z.B.
- August von Kotzebue: Er galt als Spion des Zaren und Erzfeind des burschenschaftlichen Gedanken. Er hatte viele Hetzschriftengegen die Burschenschaften geschrieben.
- Christoph von Kamptz: stellvertretender Polizeiminister von Preußen berüchtigter Demagogenjäger,
Autor des Kodex der Gendarmerie, einer Sammlung der in deutschen Staaten von Fürsten erlassenen gültigen Polizeigesetze. Auch dieses Werk wurde verbrannt.
Der politische Charakter wurde deutlich, als noch drei weitere Gegenstände ins Feuer geworfen wurden:
- ein Pracht-Prahl und Patzenkopf, als Symbol für den Absolutismus, wobei hier der Kurfürst von Hessen-Kassel gemeint war, der nach der Befreiung von den Franzosen sofort sein absolutistisches Herrschaftssystem wieder einsetzte.
- einen preußischen Ulanenschnürleib, als Symbol für den verhassten Zwangsmilitärdienst und den damit verbundenen unmenschlichen Drill.
- einen österreichischen großmächtigen Corporalsstock, als Symbol für Metternich, Staatskanzler von Wien, Lenker des deutschen Bundes und Kopf der Reaktion schlechthin.
Maßmann erklärte die Aktion später so:
Wir wollten verbrennen und haben verbrannt ... die Grundsätze und Irrlehren der Zwingherrschaft, Knechtschaft, Unfreiheit, Unmännlichkeit und Unjugendlichkeit, der Geheimniskrämerei und Blindschleicherei , des Kastengeistes und der Drillerei, die Machwerke des Schergen-, Hof-, Zopf-, Schnür- und Perückenteufels, der Schmach des Lebens und des Vaterlandes. Diese Parole lautet:
Wider Zopf und Philisterei !"
Am 2. Tag des Wartburgfestes am 19.10.1817 findet eine Versammlung statt, zu der nur Korporierte zugelassen werden. Die Leitung übernimmt die Jenaer Burschenschaft. Es gelingt, alle Duelle, Kontragen und Zwistigkeiten beizulegen. Eine Rede von Prof. Fries: Verbündet Euch, daß im Geiste eins und einig werde das deutsche Vaterland ... und wohin Luthers Ruf erscholl, da erwachte freies Geisterleben im Dienste der Wahrheit und Gerechtigkeit ... zu aller Entfesselung des Gedankens, aller Ausgleichung der Bürgerrechte ... von den Niederlanden bis zu den Freystaaten in Nordamerika !
Es wird beschlossen, an allen deutschen Universitäten den Bruderbund der Burschenschaften zu gründen. Des weiteren sollen die Jenenser Burschenschafter eine Bundeszeitung herausbringen: Des Burschen fliegende Blätter. Der Heidelberger Friedrich Wilhelm Carove legt die Grundzüge einer alle Hochschulen umfassenden Burschenschaft dar: Burschenehre kann nicht mehr darin bestehen, bloß ein gewandter Fechter oder unüberwindlicher Trinker zu sein. Die Heiligkeit der Person kann nicht durch jedes unbedachte Wort oder durch ein schiefes Gesicht verletzt werden. Davon möchte nun billig jeder deutsche Bursche überzeugt sein, wenn er nicht taub ist wie ein Stein für die Klänge der Zeit und gefühllos gegen das Große und Schöne seines Volkes ... das darin bestehen möge, das Recht aller Menschen auf Gleichheit auch in den Fremden zu ehren.
Er wendet sich gegen falsche Vorstellungen von Burschenehre und Burschenfreiheit. Die falschen Vorurteile müsse man als Missbrauch und Unterdrückung anderer Studenten und auch als Verachtung der Nichtstudieren-den bezeichnen. Carove ist trotz seiner 28 Jahre (Katholik, Sprecher und Mitbegründer der Heidelberger B! Anfang 1817) der einzige Redner des Festes, der einen konkreten Zusammenhang zwischen Revolution, deutscher Philosophie, den Befreiungskriegen und studentischen Reformen sieht, bzw. erkennt. Das Wartburgfest ist das erste öffentliche Auftreten der Burschen gegen die Staatsgewaltigen.
Jedoch gerade durch die Bücherverbrennung gerät die ganze Bewegung in Gefahr. Das Gerücht geht um, dass auch eine Akte der Heiligen Allianz verbrannt worden sei, was mit Hochverrat gleichzusetzen ist. Die Burschenschaften geraten massiv in das Schußfeld der obrigkeitshörigen Presse, Kirche und Polizei. Gleichzeitig erhalten die bestehenden Verbindungen starken Zulauf und neue werden gegründet. Auch der Charakter der Landsmannschaften ändert sich; sie betonen weiterhin ihre lokale Herkunft, geben sich aber mehr und mehr gesamtdeutsch.
Die Auswirkungen des Wartburgfestes
Carl August bleibt seinen Studenten treu. Er lädt die Burschenschafter zur Taufe seines Sohnes ein. Sein Staat wird von ihnen als der freistehende Boden der Deutschen bezeichnet. Auf diesem Boden wird ein Jahr nach dem Wartburgfest am 18.10.1818 in Jena die Allgemeine Deutsche Burschenschaft gegründet.
Es vollzieht sich eine Spaltung der politisch Oppositionellen:
Liberale (Arminen): Sie streben die Verwirklichung einer bürgerlich-freiheitlichen Staats- und
Gesellschaftsform an. Gefordert wird Gewissens-, Gedanken und Pressefreiheit. Akzeptiert wird auch eine konstitutionelle Monarchie.
Radikale (Germanen): Sie gehen davon aus, daß das Individuum geistig und politisch sich vor
allem im Rahmen seiner nationalen Identität verwirklichen kann. Es geht ihnen um die nationale Souveränität und Solidarität. Ihr Ziel ist die freie Republik, ein freies, geeintes Deutschland als gleichwertiger Partner im Europa der Vaterländer.
Die Liberalen streben das größtmögliche Glück des einzelnen auf Kosten der Allgemeinheit an, sie lassen dabei den Schutz der sozial Schwachen und den gemeinsamen Dienst an der Volksgemeinschaft außer acht.
Die Radikalen widmen sich hingegen besonders der sozialen Frage.
Die Führung der Radikalen übernehmen unter Leitung von Karl Follen die Gießener Schwarzen. Sie billigen gar den Tyrannenmord, wenn es zu einem veredelten Volksleben führt.
Follens Schüler, Carl Ludwig Sand, der Mitglied der Hallischen Teutonia und der Gießener Schwarzen ist, gilt als verschroben und als religiöser Fanatiker. In seinem Hass auf die Reaktion fühlt er sich als Märtyrer, was katastrophale Folgen hat: Am 23.3.1819 ersticht er August von Kotzebue.
Ein Jahr später wird Sand enthauptet, die Einzeltat fällt jedoch auf die Burschenschaften im ganzen zurück. Dieses ist die Chance für Metternich, mit den Burschenschaften abzurechnen.
Die Karlsbader Beschlüsse
Konferenz zu Karlsbad vom 6.8.-13.8.1819.
Unter Beteiligung aller wichtigen Fürsten werden folgende Beschlüsse gefasst:
- verschärfte Überwachung der Universitäten
- Entlassung politisch verdächtiger Lehrer
- Verbot der Allgemeinen Burschenschaft
- Verbot der Turnvereine
- Verfolgung derer Mitglieder
- Einschränkung der Pressefreiheit
- Einrichtung einer Zentralkomission in Mainz zur Verfolgung demagogischer Umtriebe.
Damit beginnt die erste Demagogenverfolgung. Tausende von Demokraten werden verhaftet, u.a. Friedrich Ludwig "Turnvater" Jahn, Gneisenau, E. M. Arndt, Freiherr vom Stein, der frühere Polizeiminister Grunder und auch Karl Follen. Letzterer wandert in die Vereinigten Staaten aus, wird Pastor und setzt sich dort für die Belange der Negersklaven ein. Allgemein kann man von einer Auswanderung der deutschen Intelligenz nach Nordamerika sprechen.
Die Burschenschaften bleiben im Untergrund bestehen, was zu einer Radikalisierung führt. Bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts bleibt die Situation bestehen. Die industrielle Revolution führt zu einer Verarmung der Handwerker und zum Anwachsen des rechtlosen Arbeiterproletariats.
Als die Burschenschafter Johann Georg Wirth und Philipp Jakob Siebenpfeiffer, die in der noch liberalen Pfalz leben, die allerdings von Bayern regiert wird, durch eine Zeitschrift Kritik an der Regierung üben, werden sofort ihre Handpressen versiegelt.
Die Vorkommnisse im Ausland beeinflussen auch die Lage in Deutschland. Mit viel Sympathie werden die Julirevolution in Frankreich und der Aufstand in Polen gegen die Russen 1830/31 verfolgt. Viele Polen fliehen nach dem mißglückten Aufstand über die Pfalz nach Frankreich. In Deutschland bilden sich sog. Polenhilfsvereine, die sich aber eigentlich mit der Verteidigung verfassungsmäßiger Rechte beschäftigen. Als Ersatz für politische Versammlungen werden Abgeordnetenfeste gefeiert, z.B. das Schüler-Fest. Schüler ist Burschenschafter und Oppositionsführer im bayrischen Landtag. Schüler, Wirth und Siebenpfeiffer entwickeln gemeinsam den Gedanken zu einem großen, nationalen und politischen Volksfest. Im Februar 1832 verfaßt Wirth, in seiner Tribüne einen Artikel mit dem Titel Deutschlands Pflichten. Er fordert:
- Auflösung des deutschen (Fürsten)Bundes
- Auflösung der Heiligen Allianz ( Bündnis von Preußen, Österreich und Russland)
- Bildung eines neuen demokratischen Deutschland mit souveränen deutschen Ländern
- Bildung einer europäischen Staatengesellschaft
Letzteres soll durch ein treues Bündnis zwischen dem polnischen, französischen und deutschen Volk vorbereitet werden.
Diese Provokation wird mit einer Verhaftungswelle beantwortet, von der auch Wirth zeitweise betroffen ist.
Unter starker Beteiligung polnischer Flüchtlinge kommt es zu einem Fest der Demokraten aus ganz Deutschland.
Das Hambacher Fest und seine Folgen
Nach Einlenken der Reaktion zur Beruhigung der gespannten Lage findet das Fest am 27.5.1832 auf dem Hambacher Schloss statt.
30 000 Menschen, darunter Deutsche mit erstmals dreifarbiger schwarz-rot-goldener Fahne (Johann Philipp Abresch), Polen (rot-weiß), Franzosen, Österreicher (k.u.k.) und eine Abordnung Briten feiern die erste politische Großveranstaltung überhaupt. Die Reden, in denen die Fürsten verflucht werden, und in denen der Ruf nach einer demokratischen deutschen Republik laut wird, hören auch die Spitzel Metternichs. In Erkenntnis der brisanten Lage lenkt Schüler ein, indem er die Kompetenz der Versammelten, sich zu konstitutionieren und Weichenstellungen vorzunehmen, in Frage stellt. Die Versammelten sind ratlos und enttäuscht. Taten werden nicht folgen. Das Fest ist am 1.6.1832 beendet.
Die Auswirkungen des Hambacher Festes:
Die Reaktion schlägt mit aller Härte zu:
- Ludwig I. von Bayern schickt 8500 Soldaten in die Pfalz
- Die Feste und Vereine sind verboten
- Die Freiheitsbäume sind verboten
- Die Farben schwarz-rot-gold sind verboten
- Die Universitäten werden noch strenger überwacht
- Burschenschafter werden bei Erkennen verhaftet
Siebenpfeiffer und Wirth fliehen in die Schweiz, fast 10 000 Pfälzer wandern aus.
Einige Burschenschafter und Corpsstudenten planen eine Gegenaktion. Ihnen ist klar, dass der Adel niemals freiwillig nachgeben wird. So plant ein geheimer Burschenschaftertag am 26./27.Dez.1832 in Stuttgart eine gewaltsame Aktion in Frankfurt, dem Sitz des verhassten Bundestages. Die Initiatoren sind:
- Dr. Körner, Germania Jena
- Gustav Bunsen, Heidelberger Burschenschaft
- von Rauschenplatt, Corps Hildesia zu Göttingen
- Georg Büchner, Germania Gießen
Der Frankfurter Wachensturm
Obwohl sie wußten, daß ihr Plan verraten wurde, stürmen am 3.4.1833 um 21.30 Uhr 33 Revolutionäre, bewaffnet und mit schwarz-rot-goldenen Armbinden, die mit 51 Mann besetzte Frankfurter Hauptwache. Der Handstreich gelingt, ebenso in der Konstablerwache. Die Bevölkerung beschränkt sich auf wohlwollendes Zuschauen. Die Sturmglocken werden geläutet. Nach kurzer Zeit kann das anrückende Militär den Aufstand niederschlagen, jedoch entkommen - wegen des schlechten Wetters und der Unterstützung der Bevölkerung - fast alle Verschwörer. Die Bilanz: 6 Tote auf Seiten des Militärs, 2 Revolutionäre. Körner flieht in die USA, wird dort Richter und später stellvertretender Gouverneur von Illinois und letztlich US-Botschafter in Spanien.
Die Reaktion behält die Kontrolle in Deutschland, die Opposition wird durch das Abwandern vieler Burschenschafter geschwächt.
Bis heute wird dieses "Himmelfahrtskommando" und andere historische Taten in Liedern besungen. Selbst Hannes Wader (!) hat eines dieser Lieder vertont (Hannes Wader: "Die freie Republik")
Der Vormärz
Unter diesem Begriff versteht man im weitesten Sinne die Zeit vom Wiener Kongress 1815 bis zur Märzrevolution 1848.
Die Zeit steht im Zeichen des anwachsenden Proletariats und einer zu Geld und Ansehen gekommenen Bürgerschicht, die sich aus politischen Aufgaben zurückzieht. Diese Zeit wird heute als Biedermeier bezeichnet.
Der aus dem Exil zurückgekehrte Büchner versucht zusammen mit Weidig, einen breiten Rückhalt in der Bevölkerung für eine spätere Revolution zu gewinnen. Ein Atheist (Büchner) und ein Christ (Weidig) beschließen eine Aufklärungskampagne und Bildung der breiten Massen (Arbeiter & Bauern). Sie gründen den Hessischen Landboten und die Gesellschaft der Menschenrechte. In die Gesellschaft wird nahezu jeder aufgenommen. Büchners Mitstreiter warnen vor Spionen und Spitzeln. Zu Recht, denn der illegale Landbote wird verraten, von derselben Person, die den Wachensturm verriet. Weidig wird 1835 verhaftet. Büchner kann der Verhaftung entgehen und flieht über Straßburg nach Zürich. Zum Pessimisten geworden, stirbt Büchner 1837 an Faulfieber. Vier Tage nach Büchners Tod begeht Weidig Selbstmord. Weidig und Büchner sind jedoch in ihrer Zeit keine Einzelfälle. Die vielen revolutionären Schriften sind bereits als sozialistische anzusehen. Die Burschenschafter schaffen durch ihre demokratisch national-revolutionären Ideale die Voraussetzungen für das Kommunistische Manifest (1848).
Der Kieler und Jenaer Burschenschafter Lorenz von Stein ist seiner Zeit weit voraus, als er sich als erster Philosoph intensiv mit der sozialen Frage und der Industrialisierung beschäftigt. Sein Werk von 1842 Der Sozialismus und Communismus des heutigen Frankreich, worin er sich mit dem Klassenkonflikt, dem Proletariat, der Gesellschaft, dem Arbeitswert, dem Arbeitslohn, der Bedeutung des Besitzes und der Industrie auseinandersetzt, beeinflusst stark den jungen Burschenschafter der Trierer zu Bonn: Karl Marx.
Karl Marx wechselt nach Jena und promoviert dort 1841 bei Jakob Fries, dem Mitbegründer der Urburschenschaft. Er hat ein enges Verhältnis zu dem Breslauer Burschenschafter Wilhelm Wolf (Kasematten Lupus), einem bedeutenden Mann in der Arbeiterbewegung. Ihm widmet er den ersten Band von Das Kapital.
Die Progressbewegung
Ihr Ziel ist die Abschaffung aller traditionellen Verbindungsformen. Man will die Schranken zwischen Studierenden und dem einfachen Volk niederreißen. Sie fordert
- die Gleichheit und Freiheit JEDES einzelnen Bürgers
- die Freiheit des Lehrens und Lernens
- die Abschaffung des Duells,
das bedeutet auch Abschaffung aller Verbindungsformen mit ihren Abzeichen, Zirkeln, Fahnen, Trachten und Brauchtümern.
Sie schießt jedoch übers Ziel hinaus, denn Fortschritt und Tradition bedeutet nicht unbedingt etwas Gegensätzliches. Die Burschenschaften kommen jedoch in den Verdacht, altmodisch und reaktionär zu sein. Das Studententum gibt sich fröhlich und seicht, man wird progressiv und modern. Die Jenaer Burschenschaft nennt sich nur noch Verbindung auf dem Burgkeller, das Fechten, Turnen und sämtliche Verpflichtungen werden abgeschafft; man nimmt Nichtstudenten auf und verleiht ihnen Band und Mütze.
Die Märzrevolution und ihre Folgen
Die Vorzeichen für eine Revolution sind im In- und Ausland unübersehbar:
1844: Aufstand der schlesischen Weber. Er wird in aller Brutalität vom preußischen
Militär niedergeschlagen, was die Unfähigkeit der Regierung zeigt, mit dem Problem fertigzuwerden.
22.2.1848: In Frankreich wird die Republik ausgerufen
13.3.1848: Aufstand in Wien. Metternich dankt ab und muss nach England ins Exil fliehen.
Der österreichische Kaiser verspricht am 15.3. die Einführung einer freiheitlichen Verfassung.
18.3.1848: Eine Demonstration in Berlin schlägt in offenen Aufstand um. Als Führer wirken insbesondere Burschenschafter
21.3.1848: König Friedrich Wilhelm IV von Preußen befiehlt den Abzug seiner Truppen und sagt: Preußen geht fortan in Deutschland auf Ebenso werden Zugeständnisse in demokratischem Sinne gemacht.
Das Paulskirchenparlament (Das Vor- und Rumpfparlament)
Heinrich von Gagern ruft von Heidelberg aus alle Persönlichkeiten Deutschlands auf, als Abgeordnete ihrer Region nach Frankfurt zu kommen. Über 500 Abgeordnete, davon etwa 1/3 Burschenschafter und Professoren, erscheinen und ziehen in die Frankfurter Paulskirche ein. Ihre Aufgabe besteht in der Bildung einer Nationalversammlung. Diese wiederum soll eine einheitliche deutsche Reichsverfassung ausarbeiten. Dieses Vorhaben erweist sich als sehr schwierig und langwierig, man ist ein Parlament ohne Macht. Vielen radikalen Studenten geht das zu langsam:
Friedrich Hecker ruft am 12.4.1848 in Konstanz die Freie Republik aus und führt einen bewaffneten Kampf gegen die Fürsten (Hecker-Lied). Der Aufstand wird niedergeschlagen. Hecker flieht in die USA. Andere örtliche Aufstände werden ebenfalls von reaktionären Truppen niedergeschlagen .
Die Nationalversammlung
Am 18.5.1848 wird die Nationalversammlung eröffnet. Ihr erster gewählter Präsident ist Heinrich von Gagern.
Die Versammlung verstrickt sich jedoch in endlose Palaver, Petitionen und Debatten. Nach einem Vorstoß v. Gagerns wird mit knapper Mehrheit Kronprinz und Erzherzog Johann von Österreich zum Reichsverweser gewählt. Dennoch bleibt die Nationalversammlung ohnmächtig. Das angeschlagene Herzogtum Schleswig ruft die Nationalversammlung zu Hilfe im Krieg gegen Dänemark. Es werden Bundestruppen unter preußischem Oberbefehl losgeschickt. Obwohl der Krieg militärisch gewonnen wird, schließt man unter ausländischem Druck ein Waffenstillstandsabkommen ab. Dieses geschieht jedoch ohne den Segen der Nationalversammlung.
In Wien kommt es im Oktober zum Aufstand, der zunächst erfolgreich zu verlaufen scheint. Wien ist in der Hand der Aufständischen. Die Nationalversammlung schickt offiziell einen Gesandten, um Sympathie für die Aufständischen zu bekunden. Währenddessen wird Wien jedoch von Befehlshabern der kaiserlichen Truppen, Fürst Windischgrätz, belagert und am 31.10. gestürmt. Tausende von Toten sind die Folge, der Abgeordnete und Burschenschafter Robert Blum wird gefangengenommen, trotz seiner Immunität abgeurteilt und standrechtlich erschossen.
Diese Beispiele zeigen, daß die beiden führenden Mächte in Deutschland - Preußen und Österreich - der Nationalversammlung den Gehorsam verweigern. In Berlin erscheint eine Broschüre mit dem Titel Gegen Demokraten helfen nur Soldaten. Dies verdeutlicht einmal mehr die ausweglose Situation der Nationalversammlung. Als sich im Rahmen des deutsch-deutschen Dualismus eine Mehrheit für die kleindeutsche Lösung abzeichnet, tritt Erzherzog Johann von seinem Amt zurück.
Trotz aller Hindernisse verabschieden die Abgeordneten am 28.3. 1849 eine mustergültige Verfassung für ein deutsches Reich:
alle Standesunterschiede und Vorrechte werden aufgehoben;
die Presse-, Glaubens- und Meinungsfreiheit gilt;
die Freiheit der Person, der Berufswahl, der Forschung und der Lehre wird garantiert;
die deutschen Staaten sollen unter Preußens Führung in einem engen Bund geeinigt werden;
Oberhaupt ist ein erblicher Kaiser, der Minister ernennt, die jedoch nicht ihm, sondern dem Reichstag verantwortlich sind.
Das Scheitern der Nationalversammlung
Der preußische König soll die deutsche Kaiserkrone angeboten bekommen. Unter Protest Österreichs reist aus diesem Anlaß eine Delegation der Paulskirche nach Berlin zu Friedrich Wilhelm IV. Sollte er die Wahl annehmen und die Verfassung akzeptieren, werden sich die restlichen Staaten anschließen.
Nach langem Warten verliest Friedrich Wilhelm einen langen Text, in dem er seine Abscheu vor jenem imaginären Reif aus Dreck und Lettern gebacken zum Ausdruck bringt. Die gesamte Antwort ist von beleidigender Arroganz geprägt.
Zutiefst erschüttert reist die Delegation ab. Erst drei Tage später, am 5.4.1849 bringt sie es fertig, die Absage zur Kenntnis zu nehmen. Erwartungsgemäß lehnen auch die anderen Regierungen die Reichsverfassung ab. Das Volk ist ebenfalls enttäuscht und entzürnt. Erneute Aufstände, z.B. in Dresden werden bald niedergeschlagen und die alte Herrschaft wiederhergestellt.
Das erste gesamtdeutsche Parlament ist gescheitert. Am 10.5 legt v. Gagern seine Ämter nieder. Die Nationalversammlung siedelt nach Stuttgart über, wo sie jedoch nur kurze Zeit als Rumpfparlament überlebt. Als die württembergische Regierung ihr die Anerkennung entzieht, werden die letzten Vertreter, an der Spitze der letzte Präsident und Burschenschafter Ludwig Uhland, von der Kavallerie brutal auseinandergetrieben.
Die letzte Festung der Aufständischen in Baden fällt am 23.7.1849. Die Folgen sind standrechtliche Erschießungen, Zuchthaus, Verfolgung und eine erneute Auswanderungswelle der demokratischen Kräfte in die USA. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Karriere eines deutschen Burschenschafters in der noch jungen amerikanischen Demokratie ist einer der Beteiligten an den Badischen Aufständen Carl Schurz. Nach einer Festnahme floh er über die Schweiz und Großbritannien in die USA, wo er Sprecher der deutschen Volksgruppe wurde. Er war General der Nordstaaten im Sezessionskrieg und auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1877-1881 amerikanischer Innenminister.
Das Verbindungsleben in Deutschland ist am Ende.
Als erstes reaktivierten sich die Corps, indem sie 1855 den KSCV, den Kösener Senioren Convents Verband gründen.
Sie gelten als wahrhaft staatstragend, da sie sich voll und ganz mit der Reaktion engagieren. Corpsstudenten besetzen viele wichtige Ämter in Politik und Militär, z.B. Wilhelm II. und Bismarck.
Die Regierung hält die Burschenschaft nach wie vor für eine demokratische, revolutionär-umstürzlerische Vereinigung, die es auszurotten gilt.
Erst 1859 (100. Geburtstag Schillers) sieht man wieder schwarz-rot-goldene Farben und auch der Name Burschenschaft wird wieder geduldet.
Die deutsche Nation wird jedoch indessen ohne Beteiligung der Burschenschafter nicht im Parlament, sondern auf dem Schlachtfeld geschaffen:
1866 schlägt Preußen Österreich bei Königgrätz vernichtend. Damit ist die kleindeutsche Lösung endgültig entschieden.
1870/71 wird der Krieg gegen Frankreich gewonnen
am 18.1.1871 wird im Spiegelsaal von Versailles das 2. Deutsche Reich ausgerufen. König Wilhelm I von Preußen wird zum deutschen Kaiser gekrönt.
Durch diesen Erfolg kann Bismarck seinen Ruf bei den Burschenschaften deutlich aufbessern.
Die Wandlung der Burschenschaften
Im Gegensatz zu den Corps, die sich ihre Mitglieder aus dem Adel und dem gehobenen Bürgertum aussuchen können, haben die Burschenschaften Nachwuchssorgen. Sie hatten auch unter der Arroganz und dem Elitetum der Corps zu leiden. Die Burschenschaften passen sich an und werden zu Corps des kleinen Mannes. Der klassische Burschenschafter ist nicht mehr gefragt. Man wandte sich von alten Idealen ab:
- aus nationalen Forderungen wurden rein patriotische Forderungen.
- aus dem inneren Feind, der Reaktion, wurde der äußere Feind, Frankreich.
Die Burschenschaften sind nur noch eine Karikatur ihrer selbst.
Die Geschichte der Urburschenschaft
Im Zusammenhang mit der Gründung der ersten deutschen Universität 1348 in Prag durch Kaiser Karl IV taucht zum ersten Mal der Begriff Bursen auf. Er beschreibt den Zusammenschluss von Studierenden, um dem verbreiteten Mietzinswucher entgegenzuwirken. Es traten auch die ersten Studentenverbindungen als Corps auf. Sie trugen mehrfarbige Bänder und Mützen, führten Zirkel, die oft aus den Anfangsbuchstaben ihrer Namen bestanden. Das Fechten übernahmen sie von fahrenden Scholaren.
Als Einstieg in die Geschichte der Burschenschaft dient die 1793 ausgerufene Französische Republik. Ihre Ideen von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit stellen die Wurzeln der späteren Burschenschaft dar. Im feudalen Deutschland, das zu dieser Zeit noch nicht als Staat bestand, war der Adel alarmiert, da er befürchten musste, dass sich die liberalen Ideen auch in Deutschland ausbreiten würden, und somit die Position eines Feudalherren bedrohten.
Unter Napoleon kam es zum ersten Mal zu einem Teildeutschland, dem Rheinbund, im Jahre 1806. Es handelt sich um eine Zwangsvereinigung von 16 deutschen Fürsten aus West- und Süddeutschland. Sie mussten Napoleon die Heerfolge geloben. Da sich der aus der Revolution siegreich hervorgegangene Napoleon mehr und mehr als Imperialist entpuppte, führte die französische Besetzung der deutschen Länder zum Widerstand und zu einer geistigen Erneuerung, die sich schließlich in einem deutschen Nationalgefühl artikulierte.
Einige wichtige Persönlichkeiten aus dieser Bewegung:
- Alexander von Humboldt: Er erneute das Bildungswesen durch Verbesserung der Volksschule, führte das humanistische Gymnasium ein und gründetet 1810 die Berliner Universität
- Freiherr von Stein: Er hatte entscheidenen Einfluss auf die Abschaffung der Leibeigenschaft 1807, auf die Reformierung der Staats- und Provinzverwaltung sowie auf die Selbstverwaltung der Städte 1808.
- Friedrich Ludwig Jahn (Turnvater Jahn): Er widmete sich der körperlichen Ertüchtigung der Jugend unter Vermittlung einer vaterländischen Gesinnung.
- Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz: Sie reformierten das Heerwesen, indem sie das Söldnertum abschafften und statt stumpfsinnigem Drill Vaterlandsliebe forderten.
- Ernst Moritz Arndt: Er schrieb viele vaterländische Lieder für die deutsche Jugend.
- Johann Gottlieb Fichte: Er hielt u.a. die berühmten Reden an die deutsche Nation
Es kam auch zu militärischem Widerstand durch Andreas Hofer und Major Ferdinand von Schill. Die Aufstände geschahen auf eigene Faust und endeten nach anfänglichen Teilerfolgen mit der Niederlage und dem Tod der Anführer.
Nach Napoleons Niederlage in Russland erschien in Deutschland die Zeit reif zum Widerstand. Da der preußische Herrscher sich jedoch nicht zum offenen Aufstand entschließen konnte, bildeten sich überall auf freiwilliger Basis Freicorps. Das berühmteste war das des Freiherrn Adolf von Lützow (Lützows wilde verwegene Jagd, Schwarze Jäger)
Mitglieder sind Studenten, vor allem Corpsstudenten und Landsmannschafter. Sie kommen aus Jena, Breslau, Halle und Göttingen. Auch Tiroler Gefolgsleute von Andreas Hofer sind darunter, u.a. Theodor Körner.
Sie führen einen Kleinkrieg gegen die Franzosen, jedoch ohne großen militärischen Erfolg. Viele Mitglieder sterben, so auch 1813 Theodor Körner und 1814 Karl Friesen.
Zwei Dinge sollten jedoch Bedeutung erlangen:
Der Geist der Kameradschaft führte später zur Gründung der deutschen Burschenschaft
die Farben der Waffenröcke:
- schwarze Waffenröcke
- rote Aufschläge (Kragen)
- goldene Knöpfe.
Der kameradschaftliche Geist äußerte sich schon 1810, als Friesen, Körner, Jahn und Arndt, angeregt durch Fichtes Reden an die Deutsche Nation, den Geheimen Deutschen Bund gründeten. Sie sind dem Volkstum verhaftet und fordern daher:
- Nation statt Landesherrschaft
- Volksgemeinschaft statt Standesunterschiede
Vornehmstes Ziel ist die Niederlage Napoleons. Aber die Erhebung gegen Napoleon soll nicht Endpunkt, sondern Kristallisationspunkt für eine innenpolitische und geistige Erneuerung des ganzen Deutschland sein. Dass bereits bestehende Studentenverbindungen nicht geeignet sind, zeigt sich, als bei Fichtes Verlesung besonders Landsmannschaften durch rüpelhaftes Benehmen auffallen. Daraufhin arbeitet Friesen eine Denkschrift aus, in der er einen neuen zeitgemäßen Typ von Studentenverbindungen fordert. Die Denkschrift trägt den Titel:
Ordnung und Errichtung der deutschen Burschenschaft
Die Landsmannschaften dieser Zeit sind Abbilder der Zerrissenheit Deutschlands. Sie beschränken sich auf ihren Sauf- und Fechtcomment. Durch ihren landsmannschaftlichen Partikularismus verhindern sie ein nationale Einigung der akademischen deutschen Jugend an den Universitäten.
Erst im Dez. 1814 kommt es im Sinne Friesens - inzwischen gefallen - in Halle zur Gründung der Studentenverbindung Teutonia, mit dem Wahlspruch Ehre - Freiheit - Vaterland.
Inzwischen ist auch Napoleon geschlagen, und die Studenten, die den Kampf überlebten, kehrten mit der Hoffnung auf einen deutschen Nationalstaat mit liberalen Einschlägen heim. Jedoch stellte der Wiener Kongress am 10.6.1815 die Weichen. Hier wurde die Neuordnung Europas geregelt. Der Kongress stellte die alten reaktionären Verhältnisse wieder her. (Heilige Allianz; Gottesgnadentum). Die akademische Jugend ist tief enttäuscht, gibt jedoch nicht auf.
Die Gründung der Urburschenschaft
Am 12.06.1815 wird im Gasthaus Zur Tanne in Jena die Deutsche Burschenschaft gegründet. Ihre Gründer sind u.a. Jenenser Landsmannschafter, die im Lützowschen Freicorps gekämpft hatten.
Nach anfänglichem Widerstand seitens des örtlichen Seniorenconvents beschließt dieser im Mai 1815 sich aufzulösen. Am 12.6. treffen sich auf dem Marktplatz die Landsmannschaften und Corps Vandalia, Thuringia, Franconia und Curonia mit ihren Fahnen. Auch Nichtkorporierte sind dabei. Nach einer Feier und Ansprache des bisherigen Seniors der Vandalen Karl Horn, werden die Fahnen zum Zeichen der Auflösung gesenkt. Die Verfassungsurkunde der Burschenschaft wird verlesen und unterschrieben.
Die Kleidung besteht aus einem schwarzen Waffenrock, Aufschlägen aus rotem Samt, verziert mit goldenen Eichenblättern, einer schwarzen Hose, Stiefel mit Spornen, Hut mit Federn und einem Schwert. Zu feierlichen Anlässen werden schwarz-rote mit Gold durchwirkte Schärpen getragen. Erster Sprecher wird Karl Horn.
Symbole:
Die Fahne der Urburschenschaft:
Rot-Schwarz-Rot mit goldenem Eichenzweig in der Mitte
gestiftet von den Frauen und Jungfrauen Jenas am 31.5.1815

Der Wahlspruch:
Ehre - Freiheit - Vaterland
Dem Biederen Ehre und Achtung
Das Schwert der Urburschenschaft:
Inschrift: Fürs Vaterland

Das Wappen der Urburschenschaft

Das Siegel der Urburschenschaft
E: Ehre
F: Freiheit
V: Vaterland
J.B.: Jenaer Burschenschaft
VI
18-15 Gründungstag
12
IX - XXI - 113: 9 Vorsteher, 21 Ausschußmitglieder, 113 Gründungsmitglieder

6) Zirkel (Kleiner und grosser Burschenschafterzirkel)
